Geschichten einer Diebin

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Beim diesjährigen Hamburger Vorlesevergnügen war Frauke Angel mit ihrem Kinderroman„Ein Zimmer für mich allein“ zu Gast im WGW-Saal am 1. Juli. Ein großartiges Spektakel!

Tisch und Stuhl? Das ist nichts für Frauke Angel. Die Kinderbuch-Autorin und Schauspielerin zieht ihr Publikum auf ihre eigene Art in ihren Bann. Ja, sie liest. Sie rennt aber auch quer durch den Saal. Dann flüstert sie, schluchzt oder lacht lauthals. Für ihre Geschichten braucht Frauke Angel an sich kein großes Theater. Kinder lieben ihre Hörspiele und Bücher, weil sie sich darin wiederfinden. Wie sie das schafft? „Alle meine Geschichten sind geklaut“, verriet die ‚Diebin‘ grinsend, „und so oder ähnlich passiert.“

Ihr junges Publikum, das waren dieses Mal Kinder der Albert-Schweitzer-Schule, der Katholischen Schule Farmsen und des Charlotte-Paulsen-Gymnasiums – und sie waren hin und weg. „Das war so spannend“, fanden Luna und Mia begeistert, „man konnte die Geschichte richtig im Kopf miterleben.“ Auch Edlyne war fasziniert vom Kinderbuch „Ein Zimmer für mich allein.“ Sie grinste, denn: „Das hört sich an wie bei uns.“ Die Zehnjährige teilt sich mit ihrem kleinen und ihrem großen Bruder ein Zimmer. „Und meine beste Freundin wohnt auf unserer Etage – alles so wie bei dem Mädchen Elli im Buch.“ Auch Ilay neben ihr konnte kaum glauben, was er da hörte. „Ich habe vier Stiefgeschwister“, erzählte er. „Ich bin der Kleinste und fühlte mich wie der kleine Bruder Otto in der Geschichte.“

Leider war die Lesung viel zu schnell vorbei und im Anschluss löcherten die Schüler die Autorin mit allem, was sie schon immer mal eine Schriftstellerin fragen wollten. Zum Abschied gab es eine Autogrammstunde und eine Überraschung der WGW: Jede Klasse bekam ein Exemplar des Buches für die Schulbibliothek – zum Weiterlesen.

Freunde fürs Lesen

Wöchentlich eine Stunde Zeit. Ein Kind. Ein Buch. Mehr braucht es nicht, um mühsames Buchstabieren in Leselust zu verwandeln. Das schaffen Mitglieder der WGW, die sich ehrenamtlich engagieren und in ihrer Freizeit Lese-Mentoren für Schulkinder sind.

Gemütlich in eine Decke gekuschelt und mit einem Buch in der Hand Gespenster jagen oder mit wilden Kerlen bolzen. Das kann lustiger sein als jedes TikTok – wenn man lesen kann. Rund ein Viertel der Viertklässler kann das jedoch nur rudimentär. „Dabei ist Lesen die Grundlage für alles“, sagt WGW-Mitglied Corinna Pleis. „Wer nicht versteht, was er liest, wird auch Textaufgaben in Mathe nicht lösen können.“ So beginnt eine Abwärtsspirale mit Folgen fürs ganze Leben. Aber das lässt sich durchbrechen. Dafür braucht es etwas Zeit, Geduld, Einfühlungsvermögen „und einen Draht zu Kindern“, ergänzt Antje Scharpff von Mentor e.V. Hamburg. Seit mehr als 20 Jahren unterstützt der Verein Hamburger Schülerinnen und Schüler beim Lesenlernen. Mit beeindruckendem Erfolg: Mehr als 90 Prozent verbessern ihr Verständnis für Texte – und das ganz ohne Büffeln.

„Mit Schulunterricht oder Nachhilfe hat das nichts zu tun“, erzählt WGW-Mitglied Roland Schon. Er startete im vergangenen Schuljahr als ehrenamtlicher Leselernhelfer. Einmal pro Woche treffen die Engagierten „ihr“ Lesekind in der Schule – aber nicht nur zum Lesen. So hat Roland Schon auch mal Tischtennisschläger im Gepäck. „Für den Start“, erklärt er. „Das sorgt für gute Laune, macht den Kopf frei und stärkt die Konzentration.“ Corinna Pleis und ihre Leseschülerin erzählten sich zuerst, was sie beschäftigte. „Oder wir spielten Memory“, ein selbst gebasteltes. Bei ihrer Ausgabe drehte sich alles um Artikel – der, die, das. „Das wollte sie ständig spielen.“ Beide Mentoren erfüllen solche Wünsche gern. Denn so erweitern die Kinder ihren Wortschatz. Es verbessert die Lesekompetenz und sorgt für Abwechslung.

Rund 40 mal treffen sich die Lesetandems im Jahr. „Aber nur, wenn beide das möchten“, sagt Roland Schon. Das gilt ausdrücklich auch für die Kinder. Sie dürfen jederzeit abspringen – selbst mitten im Schuljahr. Das kommt allerdings kaum vor. „Die Kinder genießen es, dass sich jemand eine Stunde lang nur mit ihnen beschäftigt“, haben beide Mentoren festgestellt. Die Methoden sind da noch das i-Tüpfelchen und die Ehrenamtlichen können aus dem Vollen schöpfen. „Der Verein bietet kostenlose Fortbildungen an“, erzählen Corinna Pleis und Roland Schon. „Außerdem gibt es regelmäßig Treffen mit anderen Mentoren und den Koordinatoren.“

Corinna Pleis‘ Tandem hat sich vor den großen Ferien aufgelöst. „Die Schülerin ist auf die weiterführende Schule gewechselt und hat sich toll entwickelt.“ Roland Schon darf sein Lesejungen weiterhin begleiten. „Als wir das erfuhren, ist er mir vor Freude in die Arme gefallen.“ Dabei hat der Zwölfjährige schon enorme Fortschritte gemacht: „Anfangs ist er mit dem Finger jeden Buchstaben abgefahren. Inzwischen liest er relativ flüssig.“ Trotzdem: „Ich denke, wir können beide noch voneinander lernen.“

Mitmachen: Werden Sie Lese-Mentor!
Mehr als 1.000 Lesetandems gibt es derzeit in Hamburg. Trotzdem warten in allen Stadtteilen viele Kinder auf eine Lesementorin oder einen Lesementor. Mentor e. V. arbeitet mit 132 Schulen zusammen und vermittelt die Ehrenamtlichen möglichst wohnortnah. Pädagogische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich – wichtiger sind Verlässlichkeit, Geduld und Freude am Umgang mit Kindern. Infos: mentor-hamburg.de